Interview mit Rudolf Heinz zum Thema Melancholie (21.06.1989)
Macht des Objekts über das Subjekt
Der Weltbezug des Melancholikers ist ein solcher der radikalen Inkorporation, des radikalen Narzißmus, wobei "Narzißmus" eventuell ein zu schwacher Ausdruck ist, ein Weltbezug des Todestriebs -, um es mit dem späten Freud, Freud darin rehabilitierend zu sagen; ein Weltbezug, der restlosen Inkorporation, dergestalt, daß auf der gründlichen, mit Stumpf und Stiel, daß auf der gründlichen Beseitigung alles Anderen, jedes Anderen, die Strafe auf dem Fuße folgt, daß dann derjenige, der so mit Stumpf und Stiel alles Andere, alle Anderen aufgefressen hat, zu diesen Anderen selber wird.
Und zwar im Ultimatum, ja ich sag's mal so, nicht wahr, der Nekrophagie, eben des Leichenfraßes selber dann bei lebendigem Leibe die totale Anderen-Leiche zu sein. Dies wäre, wenn man so will, der Objektbezug des Depressiven. Des Melancholikers nicht, der Melancholiker hat ja die Möglichkeit, dies, - das ist natürlich das Substrat der Melancholie selber auch -. nicht einzubehalten, nicht bei sich behalten zu müssen, und, ja daran nachgerade zu platzen. Er hat ja immer noch, und nicht nur residual Möglichkeiten der Veräußerung dessen, und die Veräußerung dessen, das wäre nun eine weitreichende lebens- und todesintime Erkenntnis eben dieses Lebens-Todes-Verhältnisses selber. Also Inkorporation wäre das Weltverhältnis, Inkorporation bis dahin, selbst dann zu dem werden zu müssen, was inkorporiert worden ist. Dies ist allerdings ein Akt von Schuld, die Strafe ist die also des Übergangs dann bei lebendigem Leibe in die Anderen-Leiche. Und was an Symptomen ansonsten in diesem Zusammenhang noch imponiert, das sind immer kleine Differierungen, kleine Aufschübe des letztlichen Todes in diesem radikalen, radikal narzißtischen, radikal todestriebbestimmten Welt-, sprich also Anderen-Verhältnis. Etwa der Aufschub, immerhin noch die Klage anzustimmen darüber, aber eine Klage, die keine Bedeutung betreffend die Auflösungsmöglichkeit dieser radikalen Position hat, das ist vielmehr eine Klage bis hin zur Selbstbezichtigung der eben erwähnten, die nicht anderes im Sinne hat als den gesamten Depressionszusammenhang in sich abzudichten, zirkulär zu machen. Wenn ich die Strafe für eine solche letzte Anmaßung selber noch mit ins Kalkül nehme, mitvollziehe, dann ist dies Gebilde dicht geworden, und diese Dichtigkeit, diese Hermetik des Depressionsgebildes wäre auch nicht zuletzt das entscheidende Kriterium dafür, daß es sich hier um eine schwere Krankheit handelt.

Name  PW