Interview mit Rudolf Heinz zum Thema Melancholie (21.06.1989)
Existieren an der Grenze
Das ist die in Permanenz, in Verschiebung begriffene Grenze zwischen Leben und Tod selber. Der melancholische Grenzposten als ein Posten exzeptioneller Erkenntnis vielleicht wäre in der Tat ein Posten vor dem Psychopompos sozusagen, - das kann man als Mensch ja selber nicht sein, aber immerhin man kann, das ist eine heikle, gefährliche, schmerzliche Position, ein wenig auch an dieser LebensTodes-Grenze weilen. Und wenn diese Weile nicht mehr möglich ist, wenn von daher nicht eine Chance aufrechterhalten bleibt, ja - ich muß es jetzt wiedersprüchlich sagen -, das Jenseits nicht zu inspizieren, das wäre ja die Inspektion des Jenseitigen, des Todes selber, wenn diese Chance nicht verbleibt, dann resultiert allemal ein grenzenloses Gebilde, ein Gebilde der Einheit, der Homogenität, das so beschaffen ist, daß in seiner Herrlichkeit, in seiner ganzen Vollmacht alles das, was ausgelassen ist an Grenze, an innerer Einsicht in das Zustande-kommen dieses herrlichen Dings, dann kommt alles Ausgelassene wie ein Wiederkömmer, wie ein Revenant darin tödlich, letal wieder. Auch dies ist wie ein Gesetz!
In der Zeitschrift "Du" vom November 1988 gab es eine Foto-Serie, die die melancholischen Gesichter von Fernsehzuschauern zeigte.
Eine Illustration des baudrillardschen Gedankens; das wäre so mehr à la Lyotard gesprochen so, daß alle Medien ein Modus des Erhabenen seien, und das Erhabene tut ja der Einbildungskraft Gewalt an, das wäre also etwas, was letztendlich auf ataraktische Weise nichts als Schmerzen verursacht, also der Terror, wenn man so will, des Allgemeinen als Medium selber; und das würde mich garnicht wundern, daß dies gar, da weiß man ja viel zu wenig bisher noch, daß sich die Gesichter der Fernsehzuschauer, wenn man sie so einmal isoliert, herausstellen können als Dokumente von Depression, oder vielleicht ein bischen noch davor, aber ohne viel Erkenntnisabwürfe von diesem Ort her, also als melancholische Gesichter, und das wäre ja genau das, was ich ja eben sagen wollte, als ich ausführte, daß die Melancholie als eine Erkenntnisposition selbst ungestisch sozusagen ist, sie muß keinen Ausdruck haben, in dem sie ihre Chance der Sondererkenntnis nutzt, das muß ja nicht der Fall sein. Aber sobald dies stillgestellt ist und sozusagen im Übergang auch hier wieder Grenzwerte, minimale Übergänge, sobald sie im Übergang zur Depression ist, dann meine ich, dann würden genau solche Fotos resultieren mit erschreckenden Gesichtern. Man meint, was ist da los, sind die schon in der Klinik, oder ich weiß nicht wo, jedenfalls irgend in der Psychiatrie, in Wirklichkeit aber, das Geheimnis ist gelüftet, sind es Gesichter vor dem Fernseher.

Name  PW