Interview mit Rudolf Heinz zum Thema Melancholie (21.06.1989)
neuzeitliche Subjektivität
Also: die neuzeitliche Subjektivität als das Programm der Weltvernichtung (deutlicher kann man nicht mehr sprechen), dies war durchaus positiv, affirmativ im Sinne der Befreiung der Menschheit gemeint, bei Descartes, so wie Herr Welsch das dargestellt hat ... Ja, ein Weltvernichtungsprogramm; wie soll ein Weltvernichtungsprogramm sich ausgebend als die Befreiung der Menschheit, als die Befreiung der Menschheit gar vom Schmerz, wie soll ein Weltvernichtungsprogramm anders dann sich darstellen in seiner inneren Entropie als daß immer größere Massen dann gleichwohl von Schmerz dann auf der anderen Seite erzeugt werden. Dies Programm schneidet immer, und zwar immer mehr, je stärker es in sich fortzuschreiten versteht, rückwirkend in die Körper der Menschen bis hin zur Vernichtung der Körper selber, ein. Ich glaube, damit wäre auch das Motiv des Schmerzes, der Zerrissenheit, oder wie auch immer die Ausdrücke lauten, da wären diese Motive abgeleitet aus dem Progreß selber von Rationalismus, von der Aufklärung an bis heute; es gibt ja so etwas wie ein rasendes Kontinuum von Rationalismus und Aufklärung bis in unsere Tage hinein.
Melancholie als Erkenntnis, Erkenntnis in der Melancholie?
Es bleibt natürlich immer noch ein garnicht so leicht traktierbares Problem, was denn nun die Bedingungen dafür sind, daß die Melancholie überhaupt als ein differenter Posten im Unterschied zur Depression als Krankheit bewahrt sein kann; das ist immer noch die Frage, was ist dies; ich muß ja an einer Stelle eine Anerkennung leisten, mindestens an einer, und wenn ich es an einer tue, tue ich es an allen, dann tue ich es im Ganzen, daß ich zwar nicht umhin kann, in dieses Phantasma selber auch mit all dem, was es dokumentiert, hineinzurasen, daß ich aber zugleich wissen kann, daß dies die Katastrophe ist, eine Katastrophe, die sich immer einer mangelhaften, aber zugleich immer nur im nachhinein vollziehbaren und damit schwerlich nur vollziehbaren Anerkennungsleistung verdankt, also der Anerkennungsleistung betreffend, ja, ich komme immer wieder auf dasselbe der Sterblichkeit und Tod. Was ja in der Postmoderne offensichtlich, so wie das Welsch dargestellt hat, Dauerzumutung ist, Anerkennungsleistungen zu vollbringen unter dem Stichwort des Pluralitätsrespekts, - das wäre ja so ein Topos der Postmoderne, Anerkennungsleistungen unter diesem Stichwort zu vollbringen, die alle darauf hinauslaufen, daß dieses Projekt, dieses europäisch-abendländische Weltvernichtungsprojekt als Erlösung der Menschheit in säkularem Betracht beendet werden soll. Nur die Folgelasten sozusagen nach der Beendigung werden dann ja weiter zum Problem, einmal abgesehen davon, daß ich auch skeptisch bin, ob die besagte postmoderne Beendigung, dieses Beendigungsansinnen überhaupt möglich ist. Auch hier ein skeptisch-melancholischeres Votum, als das, was ich bei den postmodernen Freunden bislang vernommen habe.

Name  PW