Interview mit Rudolf Heinz zum Thema Melancholie (21.06.1989)
Melancholie und Intellektualität
Warum gibt es Melancholie und nicht nur Depression, oder: warum Intellektualität und nicht nur Krankheit? Intellektualität als Gratwanderung; Gefährdungen intellektueller Selbstpositionierung (Verweis auf die aristotelische Verknüpfung von Genialität und Melancholie)
Ein sehr schönes Konzept "Aristoteles". Mir fällt außerdem auf, daß wir bisher hier in dem Gespräch, unbeschadet meiner heftigen Zitierung von Verdauungsvorgängen und dergleichen, viel zu wenig physiologisch vorgegangen sind, und dies sind freilich alles Naturvorgänge des Körpers, also nicht daß da jetzt neben dem Menschen ein Naturvorgang wäre, den er gar auch noch irgend anzustreben hätte oder zu verwerfen hätte, so meine ich es nicht, aber dies ist alles eine Angelegenheit von Physiologie. - Zurück zu dieser Gratwanderung: ich sagte, ein schönes Konzept, ein bißchen zu schön, weil ich davon ausgehe, daß die Gewalt-förmigkeit als Fundament der Intellektualität, also als Adaptation an das Normale unvermeidlich ist, um diese Position als eine nicht-kranke Position zu halten. Nur könnte man dann fast wie zu seiner Rechtfertigung intellektuell sagen, daß Intellektualität zu der Gewalt des Normalen ein parasitäres, also ein Aufzehrungsverhältnis eingeht. Nur sollte man nicht so weit gehen, zu meinen, im Anschluß daran, daß die Gewalt des Normalen durch die anwachsende Fülle des Intellektuellen, die es nicht gibt, in der Tat aufzehrbar wäre. Es bildet sich dieses Gewaltpotential allenthalben immer wieder neu, so wie der Hydrakopf, der besagte, nach. Dies also zur einen Seite: Partizipation der Intellektualität an der Gewaltförmigkeit des Normalen, und damit Gewaltförmigkeit des Intellektuellen, wie eingeschränkt auch immer, ich habe ja eine gewisse Einschränkung formuliert. Dies zur einen Seite. Zur anderen Seite, zur Krankheit hin, da ist die Abgrenzung unter Umständen noch komplizierter, oder besser: noch kriterienloser, so, daß sich Kriterien, die hier eingesetzt sind, als solche zu verwischen beginnen, wenn sie veranschlagt werden. Das Verhältnis der Intellektualität zur Krankheit wäre vielleicht so zu bestimmen, daß der Übergang in Krankheit, und das ist der Übergang in die Begierde, dieses Unheil selber sein zu wollen als letzte Macht inklusive der Selbstsanktion, der Sühne dann dafür, daß dieser Übergang selber immer auch intellektuell genähert ist, nicht eingenommen ist, sonst würde ja Intellektualität sogleich kippen in Krankheit, und das wäre ja nicht gerade leichte Krankheit. Dieser verheerende Übergang muß gar genähert werden, weil ohne diese Näherung es ja nicht zu dem Erkenntniseffekt selber darin kommt, nur ich muß dann von daher auch meine Haut wiederum retten in die andere Seite hinein, und dann dieses parasitäre Verhältnis zur Normalität eingehen. Also es ist fürwahr eine Gratwanderung, nur daß ich in dieser Gratwanderung eigentlich immer mit dem einen Bein dahinein in diesen einen Abgrund tappe und mit dem anderen Bein in den anderen, und das heißt aber, so wäre kein Gehen auch keine Gratwanderung zustande zu bringen, wahrscheinlich muß ich dann immer auch wiederum die Beine von da nach da auf diesen mittleren Grat, auf diesen schmalen Grat bringen und dann ein kleines Stück weiter gehen, aber es wäre allemal ein mühsamer Gang, dies mindest! Es ist also ein mittlerer Weg, aber dies bitte nicht als Harmonikum zu nehmen, es ist ein mittlerer Weg zwischen Epikalypse, Verhüllung, Unbewußtheit, das wäre ja der Bereich des Normalen, und - buchstäblich zu nehmen jetzt - Apokalypse, also ein Weg auf der anderen Seite mit dem Gegenteil des Verschlusses, einer Über-Auflassung, einer Über-Bewußtheit, eines Zuviel-Wissens. (...)

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