Interview mit Rudolf Heinz zum Thema Melancholie (21.06.1989)
Melancholie und Reisen
Unruhe, Heimatlosigkeit, Auf-der-Strecke-bleiben.
Auf-der-Strecke-bleiben, das gefällt mir, in diesem mehrfachen Sinn gehört das Nicht-ankommen, das wäre ja die andere Formulierung für das Auf-der-Strecke-bleiben, das Nicht-ankommen, das ist aber so etwas wie ein magischer Schutz davor anzukommen, nämlich die Ankunft wäre ja todestriebbestimmt hinwiederum die eben dargestellte Inkorporation und so weiter alles Anderen mit den entsprechenden argen Folgen, die dies immanent hat, wobei die Folgen selber hinwiederum als Selbstsanktion das Depressionsgebilde entsprechend krankheitskriterial abdichten. Wenn ich am Ziel ankomme, dann muß ich mindest depressiv werden, wenn nicht sterben, was ja eigentlich auch jeder Traum auch "bedeutet". Also verhindere ich die Ankunft durch die absolute Methode. Die absolute Methode aber ist ein schmerzliches Werk des Auf-der-Strecke-bleibens; aber immerhin: dies scheint eine Melancholie-Position zu sein zwischen Manie und Depression, irgend dazwischen, so, daß es ja auch noch mindest dann die Hinterlassungen dieser Position z.B. als Gedichte gibt.
Wenn ich angekommen bin, riskiere ich, um bei Schlaf und Traum zu bleiben, das Erwachen, das ja immer eine Katastrophe ist, es ist letztlich die Katastrophe dieser narzißtischen Fusion als Einswerden mit allem Anderen; dem auszuweichen führt dann dazu, depressionsstigmatisiert freilich die Methode absolut zu machen, das wäre immer unterwegs zu sein, auf der Strecke zu bleiben und sich auch der Entropie, die ja darin hinwiederum liegt, es geht ja nicht, zu stellen, denn es ist ja auch eine finale Vorstellung: ich bleibe auf der Strecke...
Es gibt die unvermeidliche Unterbrechung, sowohl des Essens als auch des Ausscheidens (z.B.), und nicht zu vergessen, die Unterbrechung von Schlaf und Wachen. Das Auf-der-Streckebleiben hat seine Restriktionen, insofern die Unterbrechungen anmahnen, als Verhinderung, am Ziel anzukommen, nicht umhin kann, immer wieder kleine Ziele einzuführen, das ist eine Anmahnung von Endlichkeit. Nur, die Anmahnung von Endlichkeit wird sehr schnell und sehr leicht zum Motiv, immer wieder neu den Versuch zu unternehmen, nur auf der Strecke zu bleiben. Das wäre auch etwas, was wir vielleicht etwas stärker noch betonen müssen, daß die Monita, die Endlichkeitsmonita allzu rasch zu Motiven werden, nochmal einen neuen Anlauf gegen die Endlichkeit zu nehmen. Ein neuer Anlauf gegen die Endlichkeit ist auch, permanent auf der Strecke zu bleiben; das ist ja eine List und eine Tücke, nicht anzukommen und dafür eine absolute Methode einzuführen. Die guten Monita verderben dadurch, daß sie zu Motiven dessen werden, was sie ja eigentlich verhindern wollen, nämlich nicht zu gedenken der Endlichkeit. Einen neuen Anlauf zur Uberwindung der Endlichkeit zu nehmen. Und das dann immer in der absoluten Methode selber. Das ist das letzte Raffinement der Melancholie, dauernd zu reisen.

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