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Helmut Brandt: ohne Titel

 
Es sind unzulängliche Versuche, sich schreibend in das Land der Erinnerungen zu begeben. In der Suche nach dem als Subjekt verstandenen früheren Selbst, wird dieses unweigerlich zum Objekt. Nicht Erinnerbares oder Nichtanrührbares wird fantasievoll gebogen, ergänzt, verfremdet, um es erzählbar und lesbar zu machen. Selbst das intime Zwiegespräch, das Tagebuchschreiben, ist ein illusionärer Versuch, das vergangene Leben wiederzubeleben, es zu bewahren. Es ist eine Abwehr, das längst Verlorene als endgültigen Verlust zu akzeptieren.

"Wer sich in schreibender Erinnerungsarbeit über sich selber beugt, entgeht nicht der Tatsache, daß er sich unter der Hand, obwohl er sich als Subjekt sucht und seine Identität mit dem überprüft, der er damals war, zum Objekt verkörperlicht und in Text überführt, ob er sich zurückschreibt, ins Vergangene einschreibt, leere oder tote Stellen ausfüllt, um sein Leben als zusammenhängenden Text sinnvoll erzählbar und lesbar zu machen, oder ob er Vergangenes herholt, um sich's von der Seele zu schreiben. Ob Jugend eingebracht oder abgelegt wird: als Text soll der Verlust des Lebens wettgemacht werden."
Christiaan L. Hart Nibbrig, Die Auferstehung des Körpers im Text, 120f.
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