Erfahrung
Helmut Brandt: ohne Titel

 
Das schlechte Gewissen, das sich aus den Verfehlungen unseres Lebens nährt, lauert ständig unter der Oberfläche, sobald wir uns beobachtet fühlen.

"Unser wahrhaft schlechtes Gewissen kommt aus dem einen Punkte, von dem wir gewiß wissen, daß um ihn unsere Unzulänglichkeit von allen Seiten zusammenrinnt und gerinnt zu jener Schande, die im tiefsten Traum sich manchmal aufdeckt: all unsere Diebstähle am Leben, das entwendete Gute und Gut, das wir in irgendeinen Winkel verkrochen wie mit geschlossenen Augen gierig verzehrten, obwohl unsere Schwäche im Licht des Tages nie vermögend gewesen wäre, den Weg zum Erwerb von alledem wirklich und wirksam zurückzulegen: das entwendete Gut, mit dem wir uns bei irgendeiner Kurve aus der Bahn des Lebens wandten, in solchem Augenblicke faktisch des Glaubens, wir wären allein, es säh' uns kein Aug, es hörte kein Ohr unser idiotisches Gemurmel. Weil wir aber, frühe schon uns abwendend, mit geschlossenen, ja zugekniffenen Augen unseren Herrn bestahlen, schaut er von da ab aus jedem Aug', das uns anblickt ..."
Heimito von Doderer, Tangenten, 216f.
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