Zeit
Helmut Brandt: Grafitti


 
Erinnerungen nähren sich nur aus der Vergangenheit. Und all das, was wir erinnern, hat den Zauber und auch die Wehmut eines "Es war einmal". Nichts und niemand hindert uns daran, die Erinnerungen zu verfremden, zu verklären, sie weich zu zeichnen, sich selbst und andere als Zwerge oder Riesen, Könige oder Bettler zu verkleiden. Die Gefahr besteht allerdings darin, dass der Glanz der Erinnerungen die Wirklichkeit überschattet und diese verblassen lässt.

"Für mich ist nichts gefährlicher als die Erinnerung. Habe ich mich eines Lebensverhältnisses erst erinnert, so hat das Verhältnis selbst aufgehört. Es heißt, daß Trennung die Liebe auffrischen helfe. Das ist zwar richtig, aber sie frischt sie auf eine rein poetische Weise auf. In der Erinnerung leben ist das vollkommenste Leben, das sich denken läßt, die Erinnerung sättigt reichlicher denn alle Wirklichkeit, und sie hat eine Sicherheit, wie keine Wirklichkeit sie besitzt. Ein erinnertes Lebensverhältnis ist bereits in die Ewigkeit eingegangen und hat kein zeitliches Interesse mehr."
Sören Kierkegaard, Entweder - Oder, 42
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