"Dem bloßen Leben kommt keinerlei Bedeutung zu. Einfach zu leben heißt, der Vollziehung des Lebens keine Tiefe zu verleihen. Nur wenn du lebst, als wäre das Leben ein Gut, das du jederzeit aufopfern könntest, nur dann hört es auf, Banalität oder Evidenz zu sein. Es ist töricht zu behaupten, daß uns das Leben gegeben ist, damit wir es ausleben; es ist uns gegeben, damit wir es hingeben, das heißt aus ihm mehr herausschlagen, als seine natürliche Bedingungen zulassen. Es gibt keine andere Ethik als die des Opfers."
E. M. Cioran, Das Buch der Täuschungen, 64

Das Leben bewahren und verlängern und alles vermeiden, was es gefährdet, degradiert das Leben zu einer Abwehr des Todes. Das Leben reduziert sich aufs Überleben, wird zu einem Leben von Untoten. –
Ein Leben, das sich verausgabt und nicht an Selbsterhaltung interessiert ist, setzt sich in einer großzügigen Gleichgültigkeit über die Todesdrohung hinweg, die auf dem Leben lastet. Das Leben als Opfer ist die Hingabe an das Werden als Wechsel von Entstehen und Vergehen.

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Cioran, E. M.: Das Buch der Täuschungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Bibliothek Suhrkamp), 1990