"Was also ist Schwermut? Sie ist die Hysterie des Geistes. Es kommt im Leben des Menschen ein Augenblick, da die Unmittelbarkeit gleichsam reif geworden ist und da der Geist eine höhere Form fordert, da er sich selbst als Geist ergreifen will. Als unmittelbarer Geist hängt der Mensch mit dem ganzen irdischen Leben zusammen, und nun will der Geist gleichsam aus dieser Zerstreutheit heraus sich sammeln und sich in sich selbst erklären; die Persönlichkeit will sich ihrer selbst in ihrer ewigen Gültigkeit bewußt werden. Geschieht dies nicht, wird die Bewegung unterbrochen, wird sie zurückgedrückt, so tritt Schwermut ein. (...) Die Menschen hingegen, deren Seele keine Schwermut kennt, sind diejenigen, deren Seele keine Metamorphose ahnt."
Sören Kierkegaard, Entweder - Oder, 741ff.

Wird die Unmittelbarkeit »reif«, wird sie unhaltbar und über sich hinausgetrieben; wie eine Frucht, die vom Baum fällt. In der Melancholie bleibt man in diesem Prozess stecken, sie ist eine angehaltene Entwicklung zu einem höheren Zustand. Insofern ist sie eine Schwelle, der Keim einer Entwicklung, Beginn einer Metamorphose. Verbleibt man in ihr und überwindet sie nicht, ist sie eine Kapitulation vor dem Stillstand.

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Kierkegaard, Sören: Entweder - Oder. München: dtv, 1975
dtv, 1975