"Massaker und Opfer sind durchweg nicht-intentionale Folgen eines wissensgestützten Identätswahns, einer regressiven Omnipotenzphantasie von Gnaden des Imaginären, das sich bei sich selbst beruhigt. Die differenzlose Kugelgestalt, die dieses einzunehmen wünscht, ist an sich pure Gewalt, die entweder die Körper anderer Menschen richtet oder den eigenen Körper zum Opfer bringt. Dieser Mechanismus hängt mit der Endlichkeit des Menschen zusammen. Dadurch daß das Bewußtsein seine vermeintliche Ungewordenheit gegen die Hinfälligkeit des Irdischen ausspielt, sind die Regeln, die Ordnung schaffen sollen, schließlich tödlich."
Dietmar Kamper, Hieroglyphen der Zeit, 53

Der Wunsch, mit sich selbst identisch zu sein oder etwas zu verstehen und einzuordnen, ist Ausdruck eines Willens zur Ganzheit. Ganzheit ist ein Bild, das sich entfaltet als Auslöschung des Anderen, des Fremden, das die imaginäre Einheit bedroht. Der Wille zur Ganzheit ist eine Abwehr der Sterblichkeit durch die Idee der Vollkommenheit.

Name  PW 


Kamper, Dietmar: Hieroglyphen der Zeit. München: Carl Hanser Verlag (Edition Akzente), 1988