Liebe
Helmut Brandt: ohne Titel

 
Angst ist die andere Seite des Glücks: ohne Angst kein Glück. Auch das Glück in der Liebe ist mit Angst gepaart. Weil dieses Glück in der Auslieferung an die Fremdheit des Anderen besteht.

"Die meisten verwechseln, aus Mangel, Glück mit Zufriedenheit. Sie geben sich mit dem Mangel zufrieden und nennen es, dankbar für das Fehlen der Angst, den Zwillingsbruder des Glücks, Glück.
So ist es auch mit der Liebe. Sie nennen Liebe das in Anstrengung Erworbene, nicht das unverdient Zugefallene. Sie sprechen von wahrer Liebe. Wahre (echte) Liebe: Zuneigung, Zärtlichkeit, Erkennen, Akzeptieren des anderen in seinem Wesen, Gewohnheit - kurz, jener lange Prozeß der Seelenarbeit. Was sie aber verdrängen, ist jener unreine Ursprung der wahren Liebe, wo allein der reine Zufall, die reine Verzückung herrschte, ungeachtet jedes menschlichen Verdienstes.
Zwischen jenem ersten Zustand, der allein den Namen Glück verdient, der nicht auf Kennen, Erkennen des anderen beruht, sondern auf Fremdheit, Unbekanntheit, der ganz imago ist, und jenem zweiten Zustand der Seelenarbeit, zwischen Brennen und Dauer also klafft eine Lücke. In ihr spielt sich der Kampf ab zwischen imago und Person des anderen. Ein Zustand, in dem man beide noch miteinander verwechselt, sie schieben sich ineinander, ein Verwechslungsspiel, ein Spiegelkabinett, als ob man zwei und einen dritten Fremden liebte.
Undine Gruenter, Der Autor als Souffleur. Journal, 58
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