Sprache
Helmut Brandt: Avant la Lettre


 
Das Lesen fällt unter das Krankheitsbild der Neurose. In den Vorlieben und Gewohnheiten des Lesen zeigt sich die individuelle Pathologie: das Verhältnis zum Objekt und zu sich selbst.

"Man könnte sich eine Typologie der Lektürelust - oder der Lustleser - vorstellen; sie wäre nicht soziologisch, denn die Lust ist weder ein Attribut des Produkts noch der Produktion; sie könnte nur psychoanalytisch sein, sich auf das Verhältnis der Leseneurose zur halluzinierten Form des Textes beziehen. Dem Fetischisten würde der zerschnittene Text, die Zerstückelung der Zitate, der Formeln, der Prägungen, die Lust am Wort zusagen. Der Zwangsneurotiker genösse den Buchstaben, die sekundären Sprachen, die Metasprachen (diese Klasse umfaßte sämtliche Logophilen, Linguisten, Semiotiker, Philologen: alle, für die die Sprache wiederkommt). Der Paranoiker würde verzwickte Texte, wie Argumentationsreihen entwickelte Geschichten, nach Spielregeln, geheimen Zwängen aufgebaute Konstruktionen konsumieren oder hervorbringen. Was den Hysteriker angeht (der ja das Gegenteil des Zwangsneurotikers ist), so wäre er sicher derjenige, der den Text für bare Münze nimmt, der in die Komödie der Sprache ohne Hintergrund und Wahrheit eintritt, der nicht mehr das Subjekt irgendeines kritischen Blickes ist und sich in den Text hineinwirft (was etwas ganz anderes ist, als sich in ihn projizieren)."
Roland Barthes, Die Lust am Text, 93
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