Liebe
Helmut Brandt: Visuelle Poesie

 
Das Heilige wäre die Aufhebung des Unterschieds zwischen Subjekt und Objekt, Verschmelzung mit dem Anderen. Darauf zielt die Liebe. Aber darin liegt auch ihr Scheitern begründet.

"Eine dauerhafte Liebe ist ein Heiliges, das lange Zeit braucht, um sich zu erschöpfen. In der bloßen Erotik ist alles unmittelbarer und klarer: damit das Verlangen wach bleibe, braucht es nur den Gegenstand zu wechseln. Das Unheil beginnt in dem Augenblick, wo der Mensch den Gegenstand nicht mehr wechseln will, wo er das Heilige bei sich zu Hause haben will, in Reichweite, in Permanenz; wo es ihm nicht mehr genügt, ein Heiliges zu verehren, sondern - selbst Gott geworden - nun auch seinerseits für den andern ein Heiliges sein will, das der andere in Permanenz verehrt. Denn zwischen diesen beiden einander heiligen und sich gegenseitig verehrenden Wesen gibt es nun keine Möglichkeit irgendeiner Bewegung mehr, außer in Richtung der Profanation, des Niedergangs."
Michel Leiris, Mannesalter, 179
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