"Ich habe mich ein Leben lang der Suche nach Selbsterkenntnis widersetzt, das heißt, der Suche nach mir selbst. Mir wollte scheinen, daß diese Suche, oder vielmehr ihr Gelingen, zu einer Beschränkung und Verarmung des Seins führte, in der sich allein etliche armselige und beschränkte Gemüter gefallen und begreifen könnten; oder daß diese Kenntnis, die man von sich selbst gewänne, das Sein und dessen Entwicklung beschränkte, denn man bliebe so, wie man sich gefunden hätte, und strebte danach, sich fortan zu gleichen. Mir schien es wichtiger, unablässig die Erwartungen zu fördern, ein immerwährendes, unfaßbares Werden."
André Gide, Uns nährt die Hoffnung
in: Uns nährt die Erde / Uns nährt die Hoffnung, 152

Je weniger ich über mich weiß, desto offener bin ich für Veränderungen. Denn der Suche nach sich selbst droht das Finden, das Ankommen bei sich selbst und dann ist es vorbei mit der Selbstveränderung. Nur wenn ich mir selbst entgehe und meinen dunklen Abgründen ausgeliefert bleibe, öffnet sich für mich ein Horizont der Möglichkeiten.

Name  PW 


Gide, André: Uns nährt die Erde. Uns nährt die Hoffnung. München: dtv, 1976