Scham: "ein in einem Zustand der Verstörtheit ausartender reflexiver Akt, der dadurch scheitert, daß der Mensch sich in ihm, vor einer Instanz, von der er sich abwendet, als etwas erfährt, was er »nicht ist«, aber auf unentrinnbare Weise »doch ist«. (...) Tatsächlich gibt es keine Redensart, die so unzweideutig auf das, was Scham ist, hinwiese, wie die: »Nichts können für etwas«. Denn dasjenige, wofür ich »nichts kann«, ist eben das, was ich »nicht kann«: also das meiner Freiheit Entzogene, die Provinz des Fatums, des in jeder Hinsicht »Fatalen«, der »Impotenz« im weitesten Sinne; und aus dem Widerspruch zwischen der Freiheitsprätention und dem Fatalen, zwischen dem Können und dem Nichtkönnen, entspringt Scham."
Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, 68f.

Scham ist Ausdruck des Scheiterns der Freiheit. Sie ist der Widerspruch im Subjekt zwischen Können und Nichtkönnen. Sie ist die Erfahrung meiner selbst als Objekt. In der Scham fühle ich mich ausgeliefert, ich habe die Distanz zu mir verloren. Ich werde gezwungen, etwas zu sein, was ich nicht sein will.

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