Zeit
Helmut Brandt: Grafitti


 
Nach dem Tod findet durch die Erinnerung der Anderen an uns eine Art Auferstehung statt. Doch auch bereits im Leben, werden Spuren, die wir hinterlassen, zu Erinnerungen. Somit nähren sich Erinnerungen immer aus verlöschtem Leben.

"Dein ganzes Leben ist ein ununterbrochner Erinnerungsprozeß, alles in dir und du mit ihm vergehst; mit diesem Vergehen wird es Objekt der Erinnerung. Die Erinnerung selbst aber ist nichts als ein ununterbrochner Vergeistigungsprozeß, denn in der Erinnerung verwesentlicht und verallgemeinert sich dein Sein, wird es mitteilbar; dein bloßes Sein, dein unmittelbar eignes Sein kannst du nicht mitteilen, aber erinnertes Sein kann eben als Objekt des Geistes auch Objekt der Andern werden. Wenn nun dein ganzes Leben ein ununterbrochner Erinnerungs- und Vergeistigungsprozeß ist, kannst du wohl mit dem Tode diesen Akt abbrechen oder mußt du nicht vielmehr in ihm nur die Offenbarung und Vollendung dieses Akts erkennen? Deine Erinnerung ist ja nichts als die fortlaufende Vorbereitung des Todes; du existierst ja schon im Leben nur als erinnerte Person, dein Leben beschließt sich daher damit, daß du aus einer wirklichen Person eine nur vorgestellte, ein bloßes Objekt der Vorstellung wirst, ein nur Mitgeteiltes und Mitteilbares."
Ludwig Feuerbach, Gedanken über Tod und Unsterblichkeit
in: TWA 1, 209
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