Zeit
Helmut Brandt: ohne Titel


 
Unaufhaltsam raubt uns das Alter die Lebendigkeit, und die Freude am Leben verliert sich. Vielleicht kehrt sie noch einmal zurück, nach dem tiefsten Punkt, wie eine Versöhnung an der Schwelle des Todes.

"Kaum merklich, über Jahre, schleicht es sich ein. Man weiß nicht, was. Mit spitzen Fingern zieht man die Folie ab, vorsichtig, als zöge man ein Häutchen vom Licht. Man hat es geahnt. Die Haltung läßt nach, der Atem wird schlecht, die Stimme matt. Man sieht nicht mehr in den Spiegel, vergißt seinen Geburtstag, ruft nicht zurück. Die Haut wird stumpf, der Blick trüb, die Fußnägel wachsen ein, und plötzlich ist sie verschwunden, die sonst so helle Freude über das erste Birkengrün im Jahr, das Weiß des ersten Schnees ... Und dann, nach Unzeiten, kommt sie wieder. Am Morgen nach der Heilung. Am Abend vor dem Tod."
Ralf Rothmann, Hitze, 284
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