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Kafkas Briefe sind voller Klagen über seine Unentschlossenheit und über seine körperlichen Gebrechen. Die offensichtliche Absicht seiner Briefe in der ersten Zeit: "Es soll eine Verbindung, ein Kanal hergestellt werden zwischen ihrer Tüchtigkeit und Gesundheit und seiner Unentschlossenheit und Schwäche." (Elias Canetti) Aus diesem Briefwechsel bezieht er seine Energie zum Schreiben. Seine Briefe ersetzen ihm auch sein Tagebuch.
Mit diesem Briefwechsel baut er sich ein parasitäres Verhältnis auf: durch seine unablässigen Fragen nach Einzelheiten ihres Lebens, die sie ihm dann in ihren Briefen beantwortet lebt er gleichsam in ihr, in einem stärkeren, gesunderen, realitätsnäheren Leben.
"Mit jeder Antwort auf eine solche Frage fühle ich mich tiefer in Dich eindringen, erhalte eine neue Erlaubnis in Dir zu leben und vertausche für einen Augenblick ein Scheinleben mit einer heißen Wirklichkeit." (26./27.2.13)
Ihm ist das Parasitäre seiner 'Liebesbriefe' bewußt:
"... denn wenigstens ahnen mußt Du es doch, daß mein Verlangen nach einer möglichst ununterbrochenen brieflichen Verbindung mit Dir seinen Grund nicht eigentlich in der Liebe hat, denn die müßte Dich doch in Deiner jammervollen Müdigkeit der ganzen letzten Zeit zu schonen suchen, sondern in meiner unglücklichen Verfassung." (10.4.1913)
"Fällt Dir, Felice, nicht auf, daß ich Dich in meinen Briefen nicht eigentlich liebe, denn dann müßte ich doch nur an Dich denken und von Dir schreiben, sondern daß ich Dich eigentlich anbete und irgendwie Hilfe und Segen in den unsinnigsten Dingen von Dir erwarte." (20.4.1913)
Aber vor allem klagt er über seine Schwächen, äußert seine Zweifel an sich selbst und auch an seinen Briefen:
"Es ist ja ein so schlimmes, schweres Leben, wie kann man auch einen Menschen mit bloßen geschriebenen Worten halten wollen, zum Halten sind die Hände da." (20./21.11.1912)
Franz Kafka, Briefe an Felice
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