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Kafka zieht dann zu seiner Schwester Ottla aufs Land nach Zürau (ab 12. September 1917), für acht Monate hat er Urlaub genommen. Er hat sich innerlich nun von Felice getrennt, doch sie will das nicht akzeptieren und unternimmt die dreißigstündige Reise nach Zürau. Doch er weist sie zurück.
Er zieht sich in seine Krankheit zurück und in die Gewißheit, an ihr zu sterben.
An Brod schreibt er aus Zürau:
"Jedenfalls verhalte ich mich heute zu der Tuberkulose, wie ein Kind zu den Rockfalten der Mutter, an die es sich hält (...) Manchmal scheint es mir, Gehirn und Lunge hätten sich ohne mein Wissen verständigt. 'So geht es nicht weiter' hat das Gehirn gesagt und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt zu helfen."
Und an Felice schreibt er 10 Tage nach ihrem Besuch in Zürau:
"Ich halte nämlich diese Krankheit im geheimen gar nicht für eine Tuberkulose, oder wenigstens zunächst nicht für eine Tuberkulose, sondern für meinen allgemeinen Bankrott."
Ende Dezember 1917 trennen sich Kafka und Felice Bauer endgültig in Prag, sie war von Berlin nach Prag gekommen, er von Zürau. Am 27. Dezember fuhr Felice nach Berlin zurück. An diesem Tag kam Kafka zu Max Brod in sein Büro, der darüber berichtet:
"Er hatte eben F. zur Bahn gebracht. Sein Gesicht war blaß, hart und streng. Aber plötzlich begann er zu weinen. Es war das einzige Mal, daß ich ihn weinen sah. Ich werde diese Szene nie vergessen, sie gehört zum Schrecklichsten, was ich erlebt habe. - Ich saß im Büro nicht allein, dicht neben meinem Schreibtisch stand der Schreibtisch eines Kollegen, wir arbeiteten in einer der juristischen Abteilungen der Postdirektion ... eine richtig verstaubte, häßliche, unpersönliche Amtslokalität ... Kafka war direkt zu mir ins Arbeitszimmer gekommen, mitten in den Betrieb, saß neben meinem Schreibtisch auf dem Sesselchen, das für Bittsteller, Pensionisten, Beschuldigte bereitstand. Und hier weinte er, hier sagte er schluchzend: 'Ist es nicht schrecklich, daß so etwas geschehen muß?' Die Tränen liefen ihm über die Wangen, ich habe ihn nie außer diesem einen Male fassungslos, ohne Haltung gesehen."
Franz Kafka, Briefe an Felice
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