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"Wir peitschen einander mit diesen häufigen Briefen. Gegenwart wird ja dadurch nicht erzeugt, aber ein Zwitter zwischen Gegenwart und Entfernung, der unerträglich ist. (...) Binden wir uns durch Liebe, nicht durch Verzweiflung aneinander. Und darum bitte ich Dich, lassen wir von diesen häufigen Briefen, die nichts anderes bewirken als eine Täuschung, die den Kopf zittern macht." (18.11.1912)
Immer wieder klagt er sich an, sie mit seinen Briefen zu quälen und daß ihn dann seine Schuldgefühle zu weiteren Briefen treiben, die die vorangegangenen vergessen machen sollen, was allerdings nicht gelingen kann, weil seine Feder "ihre eigenen bösen Wege geht".
"Ich werde Dir gegenüber bald so viel Schuld auf mich geladen haben, ..."
Sie verletzt ihn mit ihrem Desinteresse und Unverständnis seinen Texten gegenüber. Entweder liest sie sie gar nicht oder sie zeigt, daß sie mit ihnen nichts anfangen kann. In der Folge stockt seine literarische Produktivität drei Monate nach Beginn des Briefwechsels. Er beginnt nun Felice als Bedrohung zu empfinden.
Er betont stärker seine Unzulänglichkeiten, zum Beispiel seine Magerheit als ein Zeichen für seine Unfähigkeit zur Liebe, seine Gefühlskälte, seine Ängstlichkeit. Eine oft unerträgliche Selbstentblößung.
"Scheint mir doch manchmal, daß dieser Verkehr in Briefen, über den hinaus ich mich fast immerfort zur Wirklichkeit sehne, der einzige meinem Elend entsprechende Verkehr ist (meinem Elend, das ich natürlich nicht immer als Elend fühle), und daß die Überschreitung dieser mir gesetzten Grenze in ein uns gemeinsames Unglück führt." (17./18.2.13)
Und seine Briefe werden immer sadistischer:
"... wirst Du einsehn, daß das Leid, das ich Dir mit meinen Briefen angetan habe, eine Kleinigkeit war gegen die Beschwerden des wirklichen Verkehrs mit mir:" (4./5.12.1912)
"Wenn Du keine roten Wangen hast, wie soll ich sie bleich machen, da das doch mein Beruf ist. Wenn Du nicht frisch bist, wie soll ich Dich müde machen, wenn Du nicht lustig bist, wie soll ich Dich betrüben." (23.12.1912)
Aber seine Aggressionen und Drohungen nimmt er auch immer wieder zurück, er quält sie mit seiner Ambivalenz, seiner Zweideutigkeit:
"bringe Dir zum Bewußtsein, daß Du niemals reine Freude von mir haben wirst, reines Leid dagegen soviel man nur wünschen kann, und trotzdem - schick mich nicht fort."
Franz Kafka, Briefe an Felice
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