ein Traum Walter Benjamins:
1986 gestaltete ich zusammen mit Rudolf Heinz ein Seminar an der Universität Düsseldorf, in dem es unter anderem um einen Traum von Walter Benjamin ging. Die folgenden Notizen sind im Zusammenhang dieses Seminars entstanden.
Benjamin berichtet von diesem Traum 1939 in einem Brief aus dem Internierungslager Nevers an Gretel Adorno. Er schrieb ihn auf Französisch, die folgende Übersetzung stammt von mir.
"Dies ist einer der Träume, wie ich sie vielleicht alle fünf Jahre habe, und die um das Motiv »Lesen« gewoben sind. Teddie wird sich der Rolle erinnern, die dieses Motiv in meinen Reflexionen über Erkenntnis innehat. Der Satz, den ich deutlich gegen Ende des Traumes ausgesprochen habe, fand sich auf Französisch vor. Doppelter Grund, Dir diesen Bericht in derselben Sprache wiederzugeben. Der Doktor Dausse, der mich in diesem Traum begleitet, ist ein Freund, der mich während meiner Malaria gepflegt hat. Ich war mit Dausse zusammen in Begleitung mehrerer Personen, an die ich mich nicht erinnere. Auf einmal verließen Dausse und ich die Gesellschaft und fanden uns wieder in einer Ausgrabungsgrube. Ich bemerkte, daß sich fast am Grunde eine merkwürdige Art von Betten befand. Sie hatten die Form und Länge von Sarkophagen; außerdem schienen sie aus Stein zu sein. Aber als ich mich halb niederkniete, bemerkte ich, daß man darin so weich versank wie in einem Bett. Sie waren mit Moos, und Efeu bedeckt. Ich sah, daß diese Betten jeweils zu zweit angeordnet waren. In dem Augenblick, als ich dachte, mich auf demjenigen auszubreiten, welches einem Bett benachbart war, das mir für Dausse bestimmt erschien, wurde ich gewahr, daß das Kopfende dieses Bettes schon von anderen Personen besetzt war. Wir nahmen also unseren Weg wieder auf. Der Ort ähnelte immer einem Wald, aber es gab in der Anordnung der Stämme und Äste etwas Künstliches, was diesem Teil des Hintergrundes eine vage Ähnlichkeit mit einer Schiffskonstruktion gab. Nachdem wir an einigen Balken entlanggegangen waren und einige Holzschwellen überquert hatten, befanden wir uns auf einer Art kleinen Schiffsbrücke, einer kleinen Terasse aus Planken. Dort befanden sich die Frauen, mit denen Dausse lebte. Es waren drei oder vier, und mir schienen sie sehr schön zu sein. Zunächst erstaunte mich, daß Dausse mich nicht vorstellte. Nicht weniger störte mich die Entdeckung, die ich machte als ich meinen Hut auf einem Flügel ablegte. Es war ein alter Strohhut, ein Panama-Hut, den ich von meinem Vater geerbt hatte. (Er existiert seit langem nicht mehr.) Als ich ihn ablegte, war ich überrascht, daß am oberen Teil des Hutes ein langer Schlitz angebracht war. Zudem zeigten die Ränder dieser Spalte Spuren einer roten Farbe. - Man schiebt mir einen Sessel zu. Das hinderte mich nicht, einen anderen herbeizuschaffen, den ich ein wenig abseits des Tisches plazierte, an dem sich alle niedergelassen hatten. Ich setzte mich nicht. Eine der Damen hatte sich zwischenzeitlich mit Graphologie beschäftigt. Ich sah, daß sie etwas von mir Geschriebenes in der Hand hielt, was Dausse ihr gegeben hatte. Ich beunruhigte mich ein wenig über diese Expertise und befürchtete, daß gewisse intime Eigenschaften von mir enthüllt würden. Ich näherte mich. Was ich sah, war ein mit Bildern bedeckter Stoff, und die einzigen graphischen Elemente, die ich unterscheiden konnte, waren die obersten Partien des Buchstabens »d«, dessen zugespitzte dünne Längen ein starkes Sehnen nach Spiritualität ausdrücken. Dieser Teil des Buchstabens war außerdem versehen mit einem kleinen Segel mit blauer Borte, und das Segel blähte sich auf der Zeichnung auf als wäre es im Wind. Dies war das einzige, was ich »lesen« konnte - der Rest bestand aus unbestimmten Motiven von Wellen und Wolken. Das Gespräch drehte sich einen Augenblick um diese Schrift. ich erinnere mich nicht an weiterführende Ansichten; hingegen weiß ich genau, daß ich in einem bestimmten Augenblick wörtlich folgendes gesagt habe: »Es handelte sich darum, aus einem Gedicht ein Halstuch zu machen.« Ich hatte kaum diese Worte ausgesprochen, als etwas Seltsames geschah. Ich bemerkte, daß von den Frauen eine sehr schön war und in einem Bett lag. Meine Erklärung hörend machte sie eine kurze blitzartige Bewegung. Sie hob einen kleinen Zipfel ihrer Bettdecke hoch. Diese Geste dauerte mindestens eine Sekunde. Und dies geschah nicht, um mich ihren Körper sehen zu lassen, sondern die Zeichnung ihres Bettlakens, die ein ähnliches Bildmuster offenlegen sollte, wie ich es vor Jahren »schreiben« mußte, um es Dausse zum Geschenk zu machen. Ich wußte genau, daß die Frau diese Bewegung machte. Aber was mich darüber unterrichtete, war eine Art zusätzliche Vision. Denn die Augen meines Körpers waren woanders, und ich konnte das, was das für mich flüchtig zurückgezogene Bettlaken zeigen konnte, gar nicht erkennen. Nach diesem Traum konnte ich stundenlang nicht mehr einschlafen. Und dies vor Glück."
Walter Benjamin, Briefe, 828ff. (Übersetzung von mir)