"Da hockt dieser unstillbare Zweifel, ob es Dich gibt, ob Du es bist, der mich hört und zu dem ich spreche, ob ich es bin, der schreibt und der aufgelesen werden will. Keine Macht der Welt ist dieser Angst, das Entscheidende zu verfehlen, gewachsen. Keine Macht der Welt kann die Entfernungen zwischen den Menschen regulieren. Keine Macht der Welt schützt den Einzelnen vor dem Gespenst und dem Ungeheuer, das er selber ist."
Dietmar Kamper, Hieroglyphen der Zeit, 162

Kafkas Klage über den Abstand zwischen Menschen, die einander schreiben, spricht von den Gespenstern, die die geschriebenen Küsse austrinken. Für Kafka werden wir durch die Briefe zu den Gespenstern, die einander verfehlen. Die Sprache pflanzt in uns den Abgrund zum Anderen, der uns voneinander trennt. Dem Anderen Briefe zu schreiben, bedeutet, seine Abwesenheit zu akzeptieren. Briefe entstehen in einem Raum des Eigenen, der getrennt ist vom Anderen. Man schreibt sie aus dem Zweifel heraus, ob es den Anderen überhaupt gibt.

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Kamper, Dietmar: Hieroglyphen der Zeit. München: Carl Hanser Verlag (Edition Akzente), 1988