"Wie gefährlich ist es, etwas zu sagen. Nicht nur, daß andere nicht mehr außer acht lassen können, was man gesagt hat. Auch man selbst sieht sich genötigt, es zu berücksichtigen, wenn es erst einmal im Raum schwebt und nicht mehr nur in den eigenen Gedanken, wo alles noch verworfen werden kann. Wenn es erst einmal gehört wurde und in das Wissen der anderen eingegangen ist, die es jetzt benutzen und es sich sogar aneignen und sogar gegen uns wenden können."
Javier Marías, Dein Gesicht morgen. 1 Fieber und Lanze, 351

Das, was einmal ausgesprochen ist, gehört uns nicht mehr. Kaum frei gelassen, führt es ein Eigenleben und entwickelt eine eigenständige Macht. Wir stehen für uns im Wort und müssen es verantworten, und die, die uns hören, können es verwandeln bis zur Verfremdung oder gar zum rächenden Gegenschlag. Auch wenn wir uns missverstanden fühlen und glauben, das von uns Gesagte habe nicht unseren Intentionen entsprochen, kann es passieren, dass wir uns in dem wiederfinden, was andere aus unseren Äußerungen gemacht haben. Das von uns Gesagte wird so zum unberechenbaren Minenfeld, in dem wir untergehen können.

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Marías, Javier: Dein Gesicht morgen. 1 Gift und Schatten und Abschied. Roman Stuttgart: Klett-Cotta, 2010