Tod
Helmut Brandt: ohne Titel

Selbsttötung
 
Vielleicht wirft sich der Reichtum des Selbst - Erinnerungen, Gedanken, Sehnsüchte - noch einmal wie eine Welle auf, bevor er erlischt und im Nichts versinkt.

"Was wird mit uns geschehen? Ist der Tod denn etwas anderes als Stille und Nichtsein? Nach meinen flüchtigen Erfahrungen mit ihm ist er eine Drehscheibe des Akzeptierens, Entwirrens und Verschwindens am Boden des Schachts von Wiedergänger-Erinnerungen, solcher an Geister und an Lebende, der Schlucht wichtiger Reminiszenzen, die spießrutenlaufend zu passieren man gezwungen ist, um sich dem Ende seines Bewußtseins zu nähern. Der Tod selbst ist sanft, sanft strahlend, unermeßlich dunkel. Das Ich verdichtet sich im Prozeß der Verwandlung, es scheint, als ginge Licht von ihm aus und als begegne es mit - nicht ganz ausreichender - Furchtlosigkeit jenem Ungeheuerlichen, dem Ende der Individualität, der Absorbierung in den Tanz der Partikel, der Unhörbarkeit. Als Lebender ist man einer Verwandlung nach der anderen unterworfen - oft sind es Kakerlakenzustände mit eingesprenkelten Momenten der Passivität, mit realen Todesahnungen -, doch jene Verwandlungen vollziehen sich kontinuierlich und sind miteinander verkettet. Diese eine Verwandlung aber führt zu Stillstand, filtert die Identität mit ihren Geschichten heraus, bricht das Ich weg oder zieht es ab, läßt es rein in Wirkung und Erinnerung übergehen, weit ausgebreitet, nicht prall komprimiert, sondern unter Mikrobewegungen verstreut und gleichsam vehementer verweht als im Leben. So jedenfalls stelle ich es mir, unterwegs dorthin, vor."
Harold Brodkey, Die Geschichte meines Todes, 35f.
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