Andere
Helmut Brandt: Virtuelle Poesie


 
Die Entscheidung, sich selbst treu zu bleiben, was in der Konsequenz auch die eigene Entwicklung und Veränderung impliziert, führt als Folge oft zum Bruch der Beziehung. Dem Anderen unverbrüchlich die Treue halten zu wollen, führt somit unweigerlich zum Verrat an sich selbst.

"Es gibt Verhältnisse, die sozusagen von vornherein nur mit einem bestimmten Kapital an Gefühlen wirtschaften und deren Anlage es unvermeidlich mit sich bringt, dieses allmählich aufzubrauchen, so daß ihr Aufhören keine eigentliche Treulosigkeit involviert. Nur freilich, daß sie in ihren Anfangsstadien oft von den andern nicht zu unterscheiden sind, die - um im Gleichnis zu bleiben - von den Zinsen leben und in der alle Leidenschaftlichkeit und Reservelosigkeit des Gebens nicht an dem Grundstock zehrt. Es gehört leider zu den häufigsten Irrungen der Menschen, für Zinsen zu halten, was Kapital ist, und darum eine Beziehung so anzulegen, daß ihr Bruch zu einer Treulosigkeit wird."
Georg Simmel, Dankbarkeit. Ein soziologischer Versuch
in: Schriften zur Soziologie, 216f.
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