"Ein »Mann« zu werden, erfordert die Abweisung der Weiblichkeit als Vorbedingung für die Heterosexualisierung des sexuellen Begehrens und seiner grundlegenden Ambivalenz. Wenn ein Mann durch Verwerfung des Weiblichen heterosexuell wird, wo kann diese Verwerfung leben, wenn nicht in einer Identifizierung, die sein heterosexueller Werdegang abzuleugnen sucht? Das Verlangen nach dem Weiblichen ist in der Tat durch diese Verwerfung gekennzeichnet: Er will die Frau, die er niemals sein würde. Um keinen Preis würde er als die Frau dastehen wollen, und deshalb will er sie. Sie ist seine verworfene Identifizierung (eine Verwerfung, die ihm zugleich Identifizierung und Objekt des Begehrens ist). (...) Sein Verlangen wird heimgesucht vom Schrecken, das zu sein, wonach er verlangt, so daß sein Verlangen immer eine Art Schrecken sein wird."
Judith Butler, Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, 129f.

Für Judith Butler gründet Heterosexualität in einem verleugneten Verlust, der nicht betrauert werden kann und deshalb die heterosexuelle Geschechtsidentität melancholisch einfärbt. Ein Mädchen gibt ihre ursprünglich homosexuelle Bindung an die Mutter zugunsten einer heterosexuellen Fixierung an den Vater und später an dessen Substitute auf. Die heterosexuelle Identität des Jungen gründet in einer verleugneten Identifizierung mit der Mutter. Jeder Mann wünscht sich insgeheim, eine Frau zu sein. Da er diesen Wunsch verwerfen muss, verwandelt sich seine Ablehnung der Frau in ein Begehren nach ihr. Die Frau ist die »verworfene Identifizierung« des Mannes, deshalb ist sein Begehren nach ihr von Angst geprägt.

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Butler, Judith: Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, 129f.