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Helmut Brandt: ohne Titel

 
"Es gibt für die Situation der Literatur kein stärkeres Bild als das des ungeduldigen Sängers Orpheus, der mit einer beinahe lebenden Verstorbenen im Rücken die Todeszone durchwandert, dem Tag entgegen. Gewiß, er wird die fatale Umdrehung nicht unterlassen, er wird die Vorschrift brechen, schon weil das Eindringen in die Nachtwelt den Bruch mit allen Gesetzen des Möglichen impliziert. Der Dichter ist derjenige, der im Unmöglichen selbst das Wirkliche sucht. Darum verliert er erneut das Liebesobjekt, um dessentwillen die Hadesfahrt unternommen wurde."
"Mit Eurydike bei den Schatten macht er eine Erfahrung, die für jede Literatur, die sich aussetzt, gültig bleibt. Solange er sie kraft seines poetischen Begehrens hinter sich tagwärts, weltwärts, sprachwärts mit sich führt, solange er sich nicht umwendet, um sie zu besitzen, solange besiegt er das, was Menschen sonst sprachlos macht und zur Unterwerfung verführt, den Tod."
"Orpheus muß verlieren, was er begehrt, weil er es schon verloren hat. Aber zwischen dem Verlorenhaben und dem erneuten Verlieren öffnet sich Raum für ein Leben, das atmenden, sprechenden, begehrenden Wesen entspricht."
Peter Sloterdijk, Zur Welt kommen - Zur Sprache kommen, 28ff.
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