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Helmut Brandt: ohne Titel

 
Der Narziss-Mythos markiert den Übergang von einem weltzugewandten zu einem sich auf sich zurückziehenden Subjekt.
Narziss ist ein Wesen, "das weder weiß, was es will, noch wen es liebt."
"Der in sein flüchtiges Abbild Verliebte ist eigentlich jemand, der keinen eigenen Raum hat. Er liebt nichts, weil er nichts ist. Sobald er erkennt, daß der andere in der Quelle nur ein Bild seiner selbst ist, begeht Narziß in seiner Unfähigkeit, diese dargestellte Eigenheit zu ertragen, Selbstmord."
Die Auferstehung des Narziss ist nicht nur die Blume, die seinen Namen trägt, sondern die Suche nach sich selbst in der Reflexion, der Rückzug aus dem Sozialen in die Einsamkeit des Selbstbezuges.
"Damit zeichnet sich, monos pro monon, die abendländische Innerlichkeit ab, die den Raum des Alleinseins mit der eigenen Psyche begründet. Die trostlose Konfrontation des Narziß, der seinem todbringenden, weil flüchtigen Bild Auge in Auge gegenübersteht, wurde durch die im Gebet gefalteten Hände: durch das Alleinsein mit sich selbst ersetzt. Die mythische Tragödie hat sich in Andacht und Introspektion verwandelt. Von nun an wird es ein Innen, ein Innenleben, geben, das dem Außen gegenübergestellt wird."
Julia Kristeva, Geschichten von der Liebe, 362f.
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