"Wenn in der Melancholie ein Verlust nicht angenommen wird, so verschwindet er deshalb noch nicht. Die Verinnerlichung bewahrt den Verlust in der Psyche, genauer: die Verinnerlichung eines Verlustes gehört zum Mechanismus seiner Verweigerung. Kann das Objekt nicht mehr in der äußeren Welt existieren, dann existiert es in der inneren, und diese Verinnerlichung ist eine Weise der Ableugnung des Verlustes, eine Weise, ihn niederzuhalten, seine Anerkennung und sein Durchleiden aufzuhalten oder aufzuschieben."
Judith Butler, Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, 127

Melancholie (Depression) ist die Verweigerung oder Verhinderung der Trauer um einen Verlust. Die Trauer akzeptiert den Verlust und löst ihn vielleicht irgendwann auf, die Melancholie hingegen verinnerlicht ihn und macht ihn unauflösbar. Durch Verinnerlichung wird der Verlust zu einem Teil der Psyche und damit der Reflexion, der Distanzierung entzogen. Das Subjekt wird über die Verwerfung zu diesem Verlust, der es mit Auflösung bedroht.

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Butler, Judith: Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt/Main. edition suhrkamp. 2001