Rückzug
Helmut Brandt: Vanitas (2003)

 
Die Melancholie wird dem Saturn (Kronos) zugeordnet, dem Gott, der aus Angst davor, von einem Sohn enthront zu werden, seine Kinder verschlang.
Die Psychoanalyse sieht den melancholischen Weltbezug als einen der Einverleibung. Deshalb wird der Objektverlust als Selbstzerstörung erlebt. Bei einem oralen Objektverhältnis, auf Introjektion basierend, ist die Reaktion auf einen Verlust nicht Trauer, sondern Depression (Melancholie). Nicht die Welt ist dann leer geworden, sondern das Selbst.
Saturn/Kronos ist der Gott der Zeit, - der Gott, die Zeit aufzuhalten versucht. Die Melancholie ist der Verlust der Zukunft als offene Möglichkeit, die Zukunft ist nur zukünftige Vergangenheit. Es ist der Gesichtspunkt des Todes: Es gibt keine Möglichkeiten, alles ist schon vergangen.
Zum Saturn gehört als Element das Blei: Die Melancholie ist die Erfahrung der eigenen Schwere (Vergänglichkeit, Dingwerdung).
Die Melancholie hebt die Zeit auf: Zukunft und Vergangenheit gehen ein in eine zeitlose Gegenwart.
In der Melancholie steckt ein göttlicher Anspruch, die Schaffung einer eigenen Welt, der eigenen Besonderheit, - und das Scheitern dieses Anspruchs. Deshalb glaubte man früher, daß Philosophen Melancholiker sein müssen.
Aristoteles fragte in seinen "Problemata": "Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?"
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